Leistungstransfer von U17m zu U19m in der Mannschaftsverfolgung

unter Berücksichtigung der Übersetzungsanpassung von 2024, von Frédéric Jansen

In der Saison 2024 wurde im deutschen Nachwuchsbereich die bisherige Übersetzungsbeschränkung angepasst. – Ziel war es, den deutschen Nachwuchs stärker an diese internationalen Standards anzugleichen…

Hintergrund

In der Saison 2024 wurde im deutschen Nachwuchsbereich die bisherige Übersetzungsbeschränkung angepasst. Hintergrund dieser Entscheidung war, dass sowohl im internationalen Umfeld als auch bei der UCI bereits seit einiger Zeit andere, teils großzügigere Regelungen in den entsprechenden Altersklassen galten. Ziel war es, den deutschen Nachwuchs stärker an diese internationalen Standards anzugleichen und den Übergang in die höheren Leistungsklassen zu erleichtern. Konkret bedeutete dies eine Vergrößerung der maximal erlaubten Entfaltung, also der Distanz, die pro Kurbelumdrehung zurückgelegt werden kann.

Diese Änderung wurde innerhalb der Trainerschaft jedoch sehr unterschiedlich aufgenommen. Während die einen sie als notwendigen und längst überfälligen Schritt betrachteten, um junge Athleten besser auf die Anforderungen der U19- und Eliteklassen vorzubereiten, äußerten andere deutliche Bedenken. Kritisiert wurde sowohl, dass die Übersetzungsbeschränkung nun zu groß sei, als auch, dass sie größer sein müsste. Es entstanden – zumindest gefühlt – zwei Lager: Befürworter und Gegner der neuen Regelung.

Ein zentrales Argument der Kritiker war die Befürchtung, dass größere Übersetzungen die motorische und neuronale Ausbildung der Athleten negativ beeinflussen könnten. Es wurde behauptet, dass die Nachwuchsfahrer künftig nicht mehr in der Lage seien, ausreichend hohe Trittfrequenzen zu fahren, was langfristig zu Defiziten in der Koordination, Bewegungsökonomie und technischen Qualität führen würde. Diese Annahme bildet den Ausgangspunkt dieses Beitrags: Führt die Anpassung der Übersetzungsbeschränkung tatsächlich zu einer relevanten Veränderung der Trittfrequenzen – und damit zu einer veränderten motorischen Ausbildung?

Die Analyse der verfügbaren Wettkampf- und Leistungsdaten zeigt jedoch, dass sich die Trittfrequenzen durch die Regeländerung kaum verändert haben. Viel spannender – und bislang kaum diskutiert – ist ein anderer Effekt, der bei der explorativen Betrachtung der Rohdaten sichtbar wurde: Das erforderliche Drehmoment ist deutlich angestiegen. Diese Veränderung ist mechanisch hoch relevant, insbesondere im Hinblick auf den Leistungstransfer von der U17 in die U19, und könnte erklären, warum viele Athleten trotz solider physiologischer Werte Schwierigkeiten haben, ihre Leistung in der Mannschaftsverfolgung umzusetzen.

Damit verschiebt sich der Fokus dieses Beitrags: Nicht die Kadenz scheint der limitierende Faktor zu sein, sondern vielmehr die Fähigkeit, bei weiterhin hohen Frequenzen ausreichend Drehmoment zu erzeugen. Genau hier liegt offenbar der größte mechanische Sprung im gesamten Entwicklungsverlauf – und genau hier entsteht häufig eine Lücke in der Trainingspraxis.

Diese Problematik ist dabei keineswegs auf die Bahn oder die Mannschaftsverfolgung beschränkt. Auch in anderen Disziplinen wie Mountainbike oder Cyclecross spielen hohe Drehmomentanforderungen eine zentrale Rolle. Im MTB oder Cyclecross treten sie beispielsweise bei sehr steilen Anstiegen, technischen Passagen mit Wurzeln oder losem Untergrund auf. In solchen Situationen ist die Übersetzung oft bereits maximal ausgereizt, während gleichzeitig hohe Leistungen notwendig sind, um die Geschwindigkeit zu halten und ausreichend Traktion auf dem Hinterrad zu sichern. Die Athleten bewegen sich dabei in einem Bereich, in dem nicht die Kadenz, sondern die Fähigkeit zur kraftvollen, stabilen und technisch sauberen Kraftübertragung entscheidend ist. Vor diesem Hintergrund lassen sich die hier dargestellten Zusammenhänge auch disziplinübergreifend interpretieren.

Ziel dieses Beitrags ist es daher, zwei verbreitete Annahmen zu überprüfen: Zum einen, ob größere Übersetzungen tatsächlich zu einer schlechteren motorischen Ausbildung führen, und zum anderen, ob die aktuelle Diskussion möglicherweise am eigentlichen Problem vorbeigeht. Denn die vorliegenden Daten legen nahe, dass nicht die Trittfrequenz, sondern die unzureichend vorbereitete Drehmoment- und Kraftfähigkeit der entscheidende Engpass im Übergang von der U17 in die U19 ist. Daraus ergeben sich konkrete Konsequenzen für die Trainingsgestaltung im Nachwuchsbereich – insbesondere im Hinblick auf Krafttraining, spezifische Belastungsformen auf dem Rad und die langfristige Entwicklung mechanischer Belastbarkeit. Ob dafür weitere Anpassungen der Übersetzungsbeschränkung im Wettkampf notwendig sind oder ob sich diese Anforderungen sinnvoller im Training abbilden lassen, bleibt eine offene Frage, die im Verlauf dieses Artikels diskutiert wird.

Leistungsniveau und Geschwindigkeiten – nationale und internationale Einordnung

Kategorie Distanz Zeit Ø-Geschwindigkeit
U17 national 3000 m 3:17 min ≈ 56 km/h
U19 national 4000 m 4:03 min ≈ 60-61 km/h
U19 international 4000 m 3:51min

 

≈ 64-65 km/h

Tabelle 1: Datensätze wurden von German Cycling zur Verfügung gestellt

Der numerische Geschwindigkeitsunterschied wirkt gering. In der Praxis führt er jedoch zu deutlich veränderten mechanischen Anforderungen – insbesondere in der Führungsarbeit.

Übersetzung und Trittfrequenz – was sich wirklich ändert

Sowohl U17- als auch U19-Fahrer bewegen sich in der Mannschaftsverfolgung im Bereich hoher Trittfrequenzen. Auch im Juniorenbereich liegen praxisnahe Wettkampfwerte häufig um etwa 110 Umdrehungen pro Minute oder „rounds per minute“ (rpm).

Beispiele: Frankfurt/Oder Frühjahrssichtung
U17: 56 km/h bei 7,70 m Entfaltung → ca. 122 rpm
U19: 61 km/h bei 9,15 m Entfaltung → ca. 111 rpm

Drehmoment – der zentrale Unterschied im Leistungstransfer

Betrachtet man die Unterschiede zwischen U17 und U19, ist zu erkennen, dass diese weniger in der Trittfrequenz, sondern vielmehr im notwendigen Drehmoment pro Pedaltritt liegen. Die folgenden Werte beziehen sich auf die Führungsarbeit im Vierer (erster Fahrer, voll im Wind) und sind als relative Einordnung zu verstehen.

 

 

Drehmoment (Nm) = Leistung (W) × 60 / (2π × Trittfrequenz (rpm))

 

Kategorie Körpergewicht Leistung Führung Trittfrequenz Drehmoment absolut Drehmoment relativ
U17 national ≈ 60 kg ≈ 450 W ≈ 122 rpm ≈ 35Nm ≈ 0,58 Nm/kg
U19 national ≈ 75 kg ≈ 600 W ≈ 112 rpm ≈ 52 Nm ≈ 0,68 Nm/kg
U19 international ≈ 75 kg ≥ 680 W ≈ 110 rpm ≈ 59 Nm ≈ 0,78 Nm/kg

Tabelle 2: Datensätze wurden von German Cycling zur Verfügung gestellt

Die dargestellten nationalen Daten sind aus der Praxis mit SRM/FES Powermetern erhoben, International ist eine Hochrechnung über CdA und Crr, bei gleicher Luftdichte. Die Berechnung dahinter würde an dieser Stelle zu weit führen.

 

Der Übergang von der U17 in den nationalen U19-Bereich bedeutet einen Anstieg des absoluten Drehmoments um rund 48 % sowie des relativen Drehmoments um etwa 17 %. Dieser Schritt stellt den größten mechanischen Sprung im gesamten Entwicklungsverlauf dar. Der Anstiegt innerhalb der U19 im nationalen-internationalem Vergleich beträgt etwa 15%.

Abbildung 1: Datensätze wurden von German Cycling zur Verfügung gestellt

 

Alte vs. neue Übersetzungsbeschränkung – was sagen die Bestzeiten?

Jahr Max. Entfaltung Bestzeit 3000 m Ø-Rundenzeit nach Start Trittfrequenz
2023 (alt) 7,01 m 3:15 min 16,0 s ≈ 133 rpm
2025 (neu) 7,70 m 3:17 min 16,1 s ≈ 122 rpm

Tabelle 3: Datensätze wurden von German Cycling zur Verfügung gestellt

Eine Gegenüberstellung der Bestzeiten im Jugendbereich vor und nach der Regelwerkänderung im Jahre 2024, zeigt dass diese nahezu identisch sind. Dies bedeutet, dass größere Übersetzungen im Zuge der Regelwerkänderung im Jugendbereich nicht automatisch zu besseren Wettkampfleistungen führen.

Conclusio

Die vorliegenden Analysen zeigen, dass der Leistungs-Transfer von der U17 in die U19 in der Mannschaftsverfolgung weniger durch Unterschiede in der Trittfrequenz oder der Übersetzung bestimmt wird, sondern primär durch den deutlichen Anstieg der erforderlichen Drehmoment- und Kraftfähigkeit, insbesondere in der Führungsarbeit im Vierer. Der größte mechanische Sprung erfolgt dabei bereits im Übergang vom Nachwuchs in den nationalen Juniorenbereich, während der Schritt zum internationalen Niveau eine weitere, aber vergleichsweise geringere Steigerung darstellt.

Bedeutung für die Verbandsebene

Aus Sicht der Verbandsentwicklung unterstreichen die Ergebnisse, dass eine Anpassung der Übersetzungsbeschränkung allein den Leistungstransfer nicht absichern kann. Die Regeländerung eröffnet zwar neue Möglichkeiten in der Trainingsgestaltung, ersetzt jedoch keine systematische Vorbereitung auf die steigenden Drehmomentanforderungen im U19-Bereich. Entscheidend ist daher weniger die Frage, welche Übersetzung erlaubt ist, sondern wie Athleten langfristig auf die mechanischen Anforderungen der Mannschaftsverfolgung vorbereitet werden.

Eine sinnvolle Rahmensetzung im Nachwuchsbereich sollte es Trainern ermöglichen,

  • motorische Ausbildung mit hohen Trittfrequenzen weiterhin zu priorisieren,
  • parallel dazu aber frühzeitig eine progressive Entwicklung der Kraft- und Drehmomentfähigkeit zu integrieren.

 

Trainer-Takeaways für den Leistungstransfer U17 → U19

  • Hohe Trittfrequenzen bleiben ein zentrales Element der motorischen Ausbildung.
    Das Fahren kleiner Gänge im Nachwuchs schult neuronale Ansteuerung und die Fähigkeit, auch bei hohen Geschwindigkeiten kontrolliert zu treten. Diese Grundlagen sind für die spätere Leistungsfähigkeit unverzichtbar.
  • Gleichzeitig muss die Drehmoment- und Kraftfähigkeit gezielt vorbereitet werden.
    Der Leistungstransfer scheitert häufig nicht an der Übersetzung, sondern an der fehlenden Fähigkeit, bei weiterhin hoher Kadenz ausreichend Drehmoment zu erzeugen – insbesondere in der Führungsarbeit im Vierer.
  • Krafttraining ist eine notwendige Ergänzung, kein Widerspruch.
    Ergänzende Krafttrainingsinhalte – sowohl auf dem Rad als auch im Kraftraum – sind erforderlich, um Technik, Stabilität und Kraftübertragung unter steigender relativer Drehmomentanforderung abzusichern.
  • Der gezielte Einsatz größerer Gänge dient der Technikschulung im Vierer.
    Wie im U19- und Elitebereich kann das Fahren mit größeren Gängen bei Zielgeschwindigkeit (auch unter Wettkampfintensität) helfen, Ruhe im Rad, saubere Linien und sichere Wechsel zu entwickeln.

Trainer‑Takeaways für die Trainingspraxis

Zentrale Erkenntnisse für Trainer:

  • Hohe Trittfrequenzen bleiben ein zentrales Element der motorischen Ausbildung im Nachwuchs.
  • Parallel dazu muss die Drehmoment‑ und Kraftfähigkeit systematisch vorbereitet werden – insbesondere für die Führungsarbeit im Vierer.
  • Krafttraining ist eine notwendige Ergänzung zur Bahnarbeit und kein Widerspruch zur motorischen Ausbildung. Auch in der u17.
  • Der gezielte Einsatz größerer Gänge dient der Technikschulung und Stabilisierung bei Zielgeschwindigkeit.
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